Cantillon-Effekt Warum Vermögen schneller wächst als Löhne
Maschinell erstellt
Neues Geld erreicht zuerst die Finanzmärkte und treibt dort die Preise von Immobilien, Aktien und Gold – Löhne ziehen erst später nach. Seit 2013 stiegen die Gehälter in Deutschland im Mittel um 43 %, Wohnimmobilien um 65 %, deutsche Aktien um 82 %.
- Löhne seit 2013
- +43 %
- Wohnimmobilien
- +65 %
- Aktien Deutschland
- +82 %
- Verbraucherpreise
- +35 %
Dein Beruf gegen Wohnung, Gold und Aktien
Wähle beliebig viele Berufe über das Suchfeld und vergleiche ihr mittleres Bruttogehalt mit den großen Vermögenswerten. Alle Linien starten im Dezember des gewählten Jahres bei 100. In der Ansicht Arbeitszeit siehst du, wie lange ein Beruf für eine Wohnung, eine Unze Gold oder einen Bitcoin arbeitet – damals und heute. Trag dein eigenes Gehalt ein, dann rechnet der Chart für dich.
Alle Werte als Tabelle (Startjahr = 100)
Löhne: Statistik der Bundesagentur für Arbeit, Median der Bruttomonatsentgelte Vollzeit, Stichtag 31.12. · Wohnimmobilien: Statistisches Bundesamt (Destatis), Häuserpreisindex bestehende Wohnimmobilien, über Deutsche Bundesbank; Wohnungspreis: Arbeitskreis der Oberen Gutachterausschüsse, Immobilienmarkt 2024: gebrauchte Eigentumswohnungen, mittleres Segment 2.300 €/m² · Gold: Weltbank (Pink Sheet, CC BY 4.0), EZB-Referenzkurse; eigene Umrechnung · Aktien Deutschland: OECD, Main Economic Indicators: Share prices Germany (CC BY 4.0) · Bundesanleihen: Deutsche Bundesbank, Umlaufsrendite und Restlaufzeit börsennotierter Bundeswertpapiere (Restlaufzeit 5 bis 8 Jahre); Wertentwicklung eigene Berechnung · Bitcoin: Bitstamp (BTC/USD, Tagesschluss), EZB-Referenzkurse; eigene Umrechnung · Verbraucherpreise: Statistisches Bundesamt (Destatis), Verbraucherpreisindex, über Deutsche Bundesbank. Index, Arbeitszeit und Umrechnungen sind eigene Berechnungen. Stand: 26. Oktober 2026.
Was ist der Cantillon-Effekt?
Der Cantillon-Effekt beschreibt, dass neues Geld die Preise nicht überall gleichzeitig hebt. Es entsteht an einer bestimmten Stelle – früher in Goldminen, heute bei Zentralbanken und Geschäftsbanken – und breitet sich von dort aus. Wer nah an der Quelle sitzt, kauft mit dem neuen Geld noch zu alten Preisen. Wer weit weg sitzt, bekommt es erst, wenn die Preise schon gestiegen sind.
Richard Cantillon beschrieb das um 1730 am Beispiel des Goldes aus neuen Minen: Zuerst gaben die Minenbesitzer mehr aus und trieben die Preise der Dinge, die sie kauften. Erst nach und nach erreichte das Gold Händler, Handwerker und Bauern – die bis dahin höhere Preise zahlten, ohne mehr einzunehmen. Heute läuft derselbe Weg über Kredite und Wertpapiermärkte.
So wandert neues Geld durch die Wirtschaft
- Zentralbank. Sie senkt die Zinsen oder kauft Anleihen und schafft dafür neues Zentralbankgeld.
- Banken und Finanzmärkte. Das Geld landet zuerst bei Banken, Fonds und Großanlegern. Sie kaufen Anleihen, Aktien und Immobilien.
- Vermögenspreise. Die Kurse steigen, Kredite werden billiger. Wer Vermögen besitzt, wird reicher, bevor sich sonst etwas ändert.
- Unternehmen und Staat. Günstige Kredite finanzieren Investitionen, Übernahmen und Staatsausgaben.
- Löhne und Verbraucherpreise. Zuletzt kommt das Geld über Aufträge, Tarifrunden und Jobwechsel bei Beschäftigten an – oft dann, wenn Wohnungen schon teurer geworden sind.
Im Chart siehst du genau diese Reihenfolge: Seit 2013 stiegen Wohnimmobilien um 65 %, die Verbraucherpreise um 35 % und das mittlere Gehalt um 43 %.
Vermögenspreisinflation und Verbraucherinflation
Die Inflation, die in den Nachrichten steht, misst der Verbraucherpreisindex: Lebensmittel, Energie, Kleidung, Mieten. Kaufpreise für Häuser und Wohnungen sind darin nicht enthalten, Aktien und Gold ebenso wenig. Selbst genutztes Wohneigentum fließt in Deutschland nur über eine gedachte Miete ein. Steigen vor allem Vermögenspreise, bleibt die offizielle Inflation also niedrig, obwohl Eigentum für Gehaltsempfänger immer schwerer zu erreichen ist.
Genau das zeigt die gestrichelte Linie im Chart: Die Verbraucherpreise laufen meist nahe an den Löhnen. Der große Abstand entsteht bei den Vermögenswerten. Wer auf eine Wohnung spart, erlebt deshalb eine ganz andere Teuerung als der Durchschnittskorb.
Welche Berufe mithalten – und welche nicht
Am stärksten stiegen seit 2013 die Gehälter in diesen Berufsgruppen: Altenpflege, Körperpflege und Medizintechnik +80 %, Hotel und Gastronomie +61 %, Reinigungskraft +59 %. Am schwächsten: Einkauf und Vertrieb +32 %, Naturwissenschaftler +31 %, Geistes- und Sozialwissenschaftler +30 %. 1 von 36 Berufsgruppen hat mit den Wohnungspreisen Schritt gehalten.
Für eine gebrauchte 70-m²-Wohnung arbeitete ein Vollzeitbeschäftigter mit mittlerem Gehalt 2013 rechnerisch 2,9 Jahre brutto, heute 3,3 Jahre. Für eine Unze Gold waren es damals 6 Arbeitstage, heute 19 Arbeitstage.
Wer gewinnt, wer zahlt
Der Effekt trifft nicht alle gleich, weil Vermögen in Deutschland sehr ungleich verteilt ist. Nur 41,9 % der Haushalte wohnten 2022 in den eigenen vier Wänden, in Berlin sogar nur 15,9 %. Die Mehrheit wohnt zur Miete und besitzt damit keinen Sachwert, der mit den Immobilienpreisen mitwächst.
Bei den Vermögen ist der Abstand noch größer: Die reichsten 10 % der Haushalte besaßen 2021 laut Bundesbank rund 56 % des gesamten Nettovermögens, vor allem Immobilien und Firmenanteile – genau die Werte, die am Anfang der Geldkette stehen. Die Bilanz des Eurosystems, also die Summe dessen, was die Zentralbanken im Euroraum geschaffen und angekauft haben, erreichte im Juni 2022 rund 8,8 Billionen Euro.
Richard Cantillon: der Bankier, der an der Blase verdiente
Cantillon wusste, wovon er schrieb. Als Bankier in Paris erlebte er um 1720 das Geldexperiment von John Law, der Frankreich mit Papiergeld und Aktien der Mississippi-Kompanie überschwemmte. Cantillon kaufte früh, verkaufte rechtzeitig und wurde sehr reich – er stand selbst am Anfang der Geldkette. Viele seiner Schuldner verloren beim Platzen der Blase alles und verklagten ihn.
Sein Ende ist bis heute ein Rätsel: Im Mai 1734 brannte sein Haus in London nieder, Cantillon starb – vermutlich wurde er ermordet. Sein Hauptwerk, der „Essai sur la nature du commerce en général“, erschien erst 1755, mehr als 20 Jahre nach seinem Tod, und geriet dann wieder in Vergessenheit, bis der Ökonom William Stanley Jevons es im 19. Jahrhundert wiederentdeckte.
Grenzen der Erklärung
Der Cantillon-Effekt erklärt nicht alles. Wohnungen wurden auch teurer, weil zu wenig gebaut wurde und mehr Menschen in Städte zogen. Lockere Geldpolitik hat zudem Arbeitsplätze gesichert und so Löhne gestützt – die Bundesbank hält die Gesamtwirkung auf die Ungleichheit deshalb für schwer messbar. Und Vermögenspreise fallen auch wieder: 2022 verloren Bundesanleihen und Aktien deutlich, als die Zinsen stiegen. Der Chart zeigt deshalb Entwicklungen, keinen Beweis für eine einzige Ursache.
Häufige Fragen zum Cantillon-Effekt
Was ist der Cantillon-Effekt einfach erklärt?
Neues Geld kommt nicht bei allen gleichzeitig an. Wer es zuerst bekommt – Banken, Finanzmärkte, Kreditnehmer mit Vermögen – kauft noch zu alten Preisen. Wer es zuletzt bekommt, meist über den Lohn, zahlt schon die gestiegenen Preise. Benannt ist der Effekt nach dem Bankier Richard Cantillon, der ihn um 1730 beschrieb.
Was ist Vermögenspreisinflation?
So nennt man steigende Preise für Vermögenswerte wie Immobilien, Aktien, Anleihen oder Gold. Der Verbraucherpreisindex misst sie nicht: Er enthält Mieten, Lebensmittel und Energie, aber keine Kaufpreise für Häuser und keine Aktienkurse. Darum kann die offizielle Inflation niedrig sein, während Wohneigentum unerschwinglich wird.
Wer profitiert vom Cantillon-Effekt?
Wer Vermögenswerte schon besitzt oder günstig auf Kredit kaufen kann: Immobilienbesitzer, Aktionäre, Banken und der Staat als großer Schuldner. Verlierer sind Sparer ohne Vermögen, Mieter, die auf Eigentum sparen, und alle, deren Einkommen nur langsam steigt.
Wie lange muss man heute für eine Wohnung arbeiten?
Für eine gebrauchte 70-m²-Eigentumswohnung in mittlerer Lage braucht ein Vollzeitbeschäftigter mit mittlerem Gehalt heute rechnerisch 3,3 Jahre Bruttogehalt, 2013 waren es 2,9 Jahre. Netto, mit Lebenshaltung und Zinsen dauert es um ein Vielfaches länger.
Gibt es den Cantillon-Effekt wirklich?
Dass neues Geld Vermögenspreise zuerst hebt, ist gut belegt – Zentralbanken nennen steigende Vermögenspreise selbst als Wirkungskanal ihrer Anleihekäufe. Umstritten ist, wie stark das die Ungleichheit langfristig erhöht: Lockere Geldpolitik sichert auch Arbeitsplätze und Lohnzuwächse. Der Effekt ist also real, aber nicht die einzige Ursache für die Vermögenslücke.
Wie kann man sich vor dem Cantillon-Effekt schützen?
Wer nur Bargeld oder Tagesgeld hält, steht am Ende der Kette. Breit gestreute Sachwerte wie Aktien, Immobilien oder Gold steigen mit dem neuen Geld mit – allerdings mit Schwankungen. Der Chart oben zeigt, wie unterschiedlich die Vermögenswerte seit 2013 gelaufen sind.
So rechnen wir
- Löhne
- Median der Bruttomonatsentgelte sozialversicherungspflichtig Vollzeitbeschäftigter je Berufsgruppe, jeweils am 31. Dezember, Statistik der Bundesagentur für Arbeit. Beamte, Selbstständige und Teilzeit fehlen. Berufe, deren Median über der Beitragsbemessungsgrenze liegt (etwa Ärzte), lassen sich nicht vergleichen und fehlen in der Auswahl.
- Vermögenswerte
- Wohnimmobilien: Häuserpreisindex für bestehende Wohnimmobilien (Destatis). Gold und Bitcoin: Monatsdurchschnitt in Euro. Aktien: Aktienkursindex Deutschland der OECD, ohne Dividenden. Bundesanleihen: Wertentwicklung mit Zinsen, eigene Näherung aus der Umlaufsrendite von Bundeswertpapieren mit 5 bis 8 Jahren Restlaufzeit. Verbraucherpreise: Verbraucherpreisindex (Destatis).
- Startwert 100
- Alle Reihen beginnen im Dezember des Startjahres bei 100, weil die Löhne zum 31.12. erhoben werden. Bei großen Spannen (etwa mit Bitcoin) wechselt die Achse auf eine logarithmische Skala.
- Arbeitszeit
- Preis geteilt durch das Bruttomonatsgehalt; ein Monat hat 21 Arbeitstage zu 8 Stunden. Wohnung: 70 m² zum Durchschnittspreis gebrauchter Eigentumswohnungen im mittleren Segment 2024 (2.300 €/m², Arbeitskreis der Oberen Gutachterausschüsse), mit dem Häuserpreisindex auf jedes Jahr umgerechnet. Aktien und Anleihen: Wert eines Depots, das im Startjahr ein Jahresgehalt kostete. Dein eigenes Gehalt im Startjahr schätzen wir mit der Lohnentwicklung aller Berufe.
- Aktualität
- Die Vermögenswerte werden viermal im Monat automatisch nachgeladen, die Löhne mit jeder neuen Entgeltstatistik (jährlich im Sommer).